Weitersagen! 100% Ihrer Spende werden weitergeleitet.

Hilfe für kriegstraumatisierte Frauen und Kinder

Projekt verbreiten!
Hilfe für kriegstraumatisierte Frauen und Kinder
Ort:

Gorazde, BP-Kanton, Bosnien und Herzegovina

Kategorie:

Gesundheit

Veröffentlicht: 30. April 2008
Fortschritt:
98% finanziert
betterplace.org ist eine offene Plattform, auf der jeder sein Projekt vorstellen kann. Dieses Projekt ist in Deutschland als gemeinnützig anerkannt. Wir empfehlen, dieses Projekt zu unterstützen, falls Sie die Organisation, den Projektverantwortlichen, einen Fürsprecher oder einen Besucher kennen, oder Ihnen dieses Projekt von einem Freund empfohlen wurde - und Sie es auf Grund seiner Projektdetails als sinnvoll erachten. 
Gesamtbewertung:
121 Wertungen
Das Frauenfriedensprojekt SEKA ist ein Zentrum für Therapie, Fortbildung und Erholung für Frauen und Kinder in Ostbosnien (Gorazde).
Die Bevölkerung der Kleinstadt Gorazde ist in extremem Maße kriegstraumatisiert, da sie fast vier Jahre Belagerung, Todesbedrohung und extreme Hungersnot ertragen musste. Tausende Frauen und Kinder flohen vor Terror und Massakern aus den umliegenden Orten und suchten Schutz in der Gorazder Enklave. Viele Frauen und Maedchen erlebten Vergewaltigungen und andere Grausamkeiten. Kinder waren auch in diesem Krieg die hilflosesten Opfer. Viele von ihnen haben bis heute ihre Kriegserlebnisse nicht überwunden, da es bisher im gesamten Kanton Gorazde keine Möglichkeit zur psychotherapeutischen Hilfe gab. Aber auch Kinder, die nach Kriegsende geboren wurden, wachsen in einer Atmosphäre auf, in der der Krieg und die erlebten Traumata ständig praesent sind. Die unverarbeiteten Traumata der Eltern und Grosseltern übertragen sich auf die Kinder.
Seit September 2007 bietet das Projekt SEKA nun Frauen und Kindern in Gorazde therapeutische und psycho-edukative Hilfe in Einzel- und Gruppenarbeit. Bei Bedarf / auf Wunsch werden auch weitere (männliche) Familienmitglieder in die therapeutische Arbeit einbezogen.
Ausserdem bilden wir Kolleginnen anderer Institutionen der Region in Traumatherapie aus. SEKA arbeitet mit einem friedenstherapeutischen Ansatz, der die Ueberwindung individueller und kollektiver Traumata als Bedingung fuer einen dauerhaften Frieden betont.
siehe auch: www.seka-hh.de

Was bedeutet Trauma?

von G. Mueller, erstellt am 09. Februar 2010 um 06:37 Uhr

Liebe Leserinnen und Leser,

im heutigen und folgenden Blogs moechte ich Ihnen ein wenig ueber den spezifischen Ansatz in der SEKA-Arbeit schreiben: 'den friedenstherapeutischen Ansatz', wie wir ihn nennen. Im heutigen Blog werde ich kurz erklaeren, was Trauma bedeutet und welche Arten von Trauma wir unterscheiden.

Wenn Sie Fragen haben, schreiben Sie uns gerne.

Mit herzlichen Gruessen

Gabriele Mueller

-------------------------------------------------------

Der ‘friedenstherapeutischer Ansatz’ in der SEKA-Arbeit

Auch 14 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton sind die Auswirkungen der Kriegstraumata auf die Gesundheit und das Alltagsleben der Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina noch immer massiv zu spüren.

Neben einer ökonomischen Perspektive und rechtsstaatlichen Verhältnissen fehlt den Menschen - insbesondere in den ländlichen, vom Krieg und Menschenrechtsverletzungen besonders betroffenen Gebieten - psychotherapeutische und psycho-edukative Hilfe, um ihre schrecklichen Erfahrungen zu überwinden und neuen Lebensmut zu gewinnen.

Die unverarbeiteten Traumata breiter Teile der Bevölkerung wirken zudem destabilisierend und konfliktfördernd auf die gesamte noch immer in die verschiedenen "Entitäten" (Bevölkerungsgruppen) gespaltene Gesellschaft.

 

Trauma – eine schwere Hypothek

Jede traumatische Erfahrung, die nicht verarbeitet bzw. integriert werden kann, hinterlässt tiefe Spuren in der Seele der Betroffenen. Insbesondere von anderen Menschen willkürlich zugefügte Verletzungen, lang andauernde traumatische Erfahrungen bzw. Vielfach-Traumatisierungen (z.B. Krieg, Gefangenschaft, Folter, Konzentrations-Lager, aber auch Gewalt in der Familie…) wirken besonders zerstörerisch auf die Psyche der Überlebenden.

Die Betroffenen haben Mühe „im Hier und Jetzt“ zu leben, sie fühlen sich, als ob sie sich in gewisser Weise noch immer in der traumatischen Situation befinden; sie spüren den starken Drang zu entfliehen, zu verdrängen, „zu vergessen“ und sind gleichzeitig überflutet von bruchstückhaften massiven Bildern und Gefühlen, die mit den traumatischen Erfahrungen verbunden sind und die sie nicht kontrollieren können. Leben mit einem Trauma bedeutet Leben unter fortgesetztem extremem Stress, in ständiger Erwartung, dass das Schreckliche sich wiederholt.

Besonders erschwerend erleben die Opfer, wenn die soziale Umgebung ihr Leiden nicht anerkennt, sondern minorisiert, wenn sie den Überlebenden keine Gerechtigkeit widerfahren lässt, oder ihnen gar selbst die Schuld gibt; oder – noch schlimmer – wenn die Gesellschaft die Täter – anstelle sie zur Verantwortung zu ziehen – als „Helden“ glorifiziert. Das Gefühl tiefer Ohnmacht des Opfers wird dadurch noch potenziert.

Belastend ist aber auch, wenn die Überlebenden / Angehörigen von Opfern erleben müssen, dass ihr Leid funktionalisiert und für politische Propagandazwecke oder Manipulationen missbraucht wird, sie z.B. in ihrer „Opferrolle gehalten werden“, anstatt Hilfe für die Überwindung ihres Traumas zu bekommen.

Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass das Trauma nicht nur auf die direkt Betroffenen wirkt, sondern auch – als sekundäres Trauma – auf die Menschen, die der betroffenen Person nahestehen: die (Ehe-)Partner und insbesondere die Kinder, ja sogar Enkel (Transgenerationen-Trauma). Diese entwickeln häufig sehr ähnliche Symptome (Übererregung, Ängste, Alpträume, Schuldgefühle u.ä.) wie die Primär-Traumatisierten selbst, obwohl sie der traumatischen Situation nicht ausgesetzt waren.

 

Trauma der Täter

Doch nicht nur die Opfer auch die Täter müssen mit den „innerpsychischen Folgen“ ihrer Taten fertig werden (selbst wenn die Gesellschaft sie als „Helden“ feiert). Der Preis, den sie für ihre Handlungen bezahlen, ist, dass sie durch ihre Tat(en) einen wesentlichen Teil ihrer Menschlichkeit abtöten, dass sie sich von Gefühlen und Empfindungen sowie ihrer Fähigkeit zur Empathie abschneiden. Die Last ihrer Tat(en) geben sie zudem an ihre Kinder und Enkel weiter – häufig direkt durch die Fortsetzung des gewalttätigen Verhaltens gegenüber der eigenen Familie; oft auch indirekt: Dann empfinden die Kinder oder Enkel stellvertretend das Leid, den Schmerz und die Schuld, die der Vater / Großvater (oder auch die Mutter / Großmutter) abgewehrt hat.

Kollektives Trauma

Traumatische Erfahrungen, die eine große Anzahl von Menschen, bzw. eine ganze Gesellschaft betreffen (wie z.B. Holocaust, Kriege, Bürgerkriege, Diktaturen…) wirken darüber hinaus nicht nur als die Summe der Traumatisierung von vielen Einzelnen (ob als Opfer, als Täter oder als Angehörige) sondern zusätzlich auch kollektiv. Die Gesellschaft als Ganzes pendelt zwischen der massiven Verleugnung der geschehenen Verbrechen, bzw. der eigenen Verantwortung daran, und dem Bedürfnis nach Aufklärung und Wiederherstellung von Gerechtigkeit.

Eine besondere Herausforderung bzgl. der Bewältigung des kollektiven Traumas stellen Gesellschaften dar, in denen die gesamte Gesellschaft mehr oder weniger stark traumatisiert ist und insbesondere Gesellschaften, die durch die (oft langanhaltenden) traumatischen Ereignisse tief gespalten sind, wie – neben vielen anderen Beispielen – das heutige Bosnien-Herzegowina.

Gerade am Beispiel der Balkanländer wird deutlich, wie langfristig zerstörerisch und konfliktfördernd kollektive Traumatisierungen wirken und wie leicht die nur oberflächlich übertünchten Traumata von geschickten Demagogen für die Schürung neuer Konflikte und Kriege benutzt werden können, die zu erneuten Verletzungen und einer Potenzierung der Traumata führt.

Dazu kommt, dass das kollektiv erlebte Trauma in vielen Gesellschaften zu einem zentralen identitätsstiftenden Moment wird und so zum Kulturerbe dieses Volkes wird, d.h. es wird nicht nur individuell sondern auch kollektiv transgenerationell weitergegeben und prägt die nationale bzw. kulturelle Identität auch der Nachfolggenerationen – manchmal jahrhundertelang.

 

In den naechsten Tagen schreiben wir darueber, was SEKAs friedenstherapeutischer Ansatz genau bedeutet und wie er umgesetzt wird.

Kommentare:

Wollen Sie das kommentieren?

Neu anmelden oder Einloggen wenn sie bereits auf betterplace registriert sind.

© 2007-2010 betterplace