Liebe Freundinnen und Freunde,
wie versprochen kommt hier nun der 2. Teil des Berichts zu unserem Projekt "Glueckstage", ueber die Gruppenarbeit mit den Frauen. Ueber die Gruppenarbeit mit den Kindern werde ich im naechsten Block schreiben.
Bericht zum Projekt „Glückstage – Erholung vom Krieg“
Juni 2008 in Neum an der Adria
2. Teil
Gruppenarbeit mit den Frauen
Die ersten beiden Tage nutzten die Therapeutinnen, durch gezielte Ü bungen eine Atmosphäre von Sicherheit zu schaffen, eine Voraussetzung dafür, dass die Frauen allmählich Vertrauen aufbauen konnten – gegenüber den Leiterinnen wie auch gegenüber den anderen Gruppenmitglieder. Diese Übungen förderten auf spielerische Art das gegenseitige Kennenlernen. Dann erarbeitete die Gruppe gemeinsam die Regeln für den Umgang miteinander (Was brauche ich, damit ich mich in dieser Gruppe sicher und frei fühlen kann? Was möchte ich nicht, dass geschehen würde?) Jede schrieb ihre Gedanken zu diesen Fragen auf Zettel, die dann anschliessend gemeinsam diskutiert wurden. Die Zettel wurden ohne Unterschrift abgegeben, damit jede so offen und ehrlich wie möglich sein konnte. In der Evaluation am Ende des Erholungsaufenthalts wurde deutlich, dass diese Art der Erarbeitung des gemeinsamen Rahmens der Gruppenarbeit für alle von sehr großer Bedeutung war. Sie fühlten sich danach viel sicherer und es fiel ihnen leichter, auch über schwere Themen offen zu sprechen.
Mit Hilfe von Steinen und Muscheln als Symbolen stellten die Frauen ihre Wünsche und Erwartungen bzgl. des Erholungsaufenthalts dar. Dann erarbeiteten sie gemeinsam mit den Leiterinnen die Themen, die sie in der Gruppenarbeit bearbeiten wollten.
Neben dem Thema „Kindererziehung“ und dem Thema „Wie überlebe ich mit geringsten ökonomischen Mitteln?“ hatten alle Themen mit der Bewältigung von Krisen, traumatischen Erlebnissen, dem Umgang mit „schweren Gefühlen“ und mit dem Verlust geliebter Menschen zu tun.
Schon am ersten Tag zeigte sich, welche schweren traumatischen Erfahrungen die Frauen erlebt hatten (schwere Gewalterfahrungen während der Einnahme ihrer Dörfer in der Nähe von Gorazde, Flucht und tagelanges Ausharren in den Wäldern, Lagerhaft, die Ermordung naher Angehöriger vor ihren Augen, das Verschwinden von Angehörigen, extremer Hunger, Kälte, Kampf ums Überleben, aber auch Gewalterfahrungen in der Kindheit, Misshandlungen in der Ehe, Suchterkrankung bzw. psychische Erkrankung naher Angehöriger, eigene schwere Krankheit, Behinderung des Kindes uvm.). Die Therapeutinnen entschlossen sich daher, neben den Themen Ressourcenarbeit und Stressbewältigung auch Informationen zum Thema „Trauma“ zu geben, um den Frauen zu helfen, sich selbst besser zu verstehen. Außerdem schlugen sie den Frauen die Themen 'Umgang mit Emotionen' sowie 'Umgang mit dem Verlust naher Menschen und mit schweren Erfahrungen' vor.
Die Teilnehmerinnen der Gruppe zeigten außerordentliches Interesse an der Gruppenarbeit, obwohl nur drei von ihnen bereits Erfahrung gemacht hatten mit therapeutischer Arbeit (im SEKA-Haus). Für die übrigen Frauen war es das erste Mal, dass sie so offen mit anderen über so persönliche Erfahrungen sprachen.
An jedem Tag begann und endete die Gruppenarbeit mit dem „Blitzlicht“ (jede Frau sagte, wie sie sich im Moment fühlte). Eine Bewegungsübung oder ein Spiel diente zur „Erwärmung für die Gruppenarbeit“. Es war den Therapeutinnen wichtig, dass die Frauen – neben den schweren Themen – auch Spass zusammen hatten.
Am 2. Tag wurde das Thema „Wie überlebe ich mit geringsten ökonomischen Mitteln?“ bearbeitet. Die Frauen sprachen sehr offen über ihre Situation, ihre ökonomischen Probleme, aber auch über die Wege, die sie fanden trotz allem ihre Familien zu ernähren. Sie teilten einerseits ihren Schmerz, ihre Wut über Ungerechtigkeiten, ihre Gefühle von Ohnmacht und manchmal Verzweiflung, und andererseits ihre Kraft, ihre Hartnäckigkeit, Kreativität und unglaublichen Fähigkeiten, mit geringsten Mitteln zu überleben.
Diese Übung hatte große Auswirkungen auf die Selbstachtung und das Selbstbewusstsein der Frauen und wirkte sehr verbindend.
Anschliessend arbeitete die Gruppe weiter zum Thema „Emotionen“ mit der Übung „Landkarte der Emotionen“. Durch diese Übung erkannten die Frauen die Verbindung von Körpersensationen und Emotionen und sprachen über ihren persönlichen Umgang mit verschiedenen Emotionen. Die Therapeutinnen gaben anschliessend kurz theoretische Informationen zu diesem Thema, die die Frauen als sehr hilfreich empfanden.
Am 3. Tag sprachen die Frauen über ihre persönlichen Bewältigungsstrategien in Krisen oder Stress-Situationen. Anschliessend gaben die Therapeutinnen mit dem „BASIC PH-Modell“ einen theoretischen Rahmen für Coping-Strategien.
Am 4. Tag der Gruppenarbeit gaben die Therapeutinnen eine theoretische Einführung ins Thema „Verluste und Trauerarbeit“, die den Frauen sehr viel bedeutete und ihnen half, ihre eigenen Reaktionen und Gefühle besser zu verstehen.
Anschliessend machten sich die Frauen durch die Übung „mein Herz“ ihre Ressourcen in ihren nahen Beziehungen bewusst. Diese Übung öffnete für einige der Frauen ihre Verlusterfahrungen, dennoch erlebten sie sie als stärkend und bereichernd. Eine der Frauen meinte nach dieser Übung: „Es ist mir jetzt bewusst, wie reich ich doch bin!“
Am 5. Tag erarbeitete die Gruppe die Themen Kommunikation („aktives Zuhören“, „Mich mitteilen“) durch verschiedene Szenen, die die Frauen in Paaren spielten. Das machte ihnen viel Spass, doch gleichzeitig empfanden sie diese Szenen als sehr lehrreich. In den anschliessenden theoretischen Erklärungen zum Thema fassten die Therapeutinnen die Essenz der Erfahrungen aus den Szenen zusammen.
Auch das Thema „Grenzen“ wurde durch Szenen erarbeitet und dann ausgewertet, sowie theoretisch erklärt. (Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, haben erlebt, dass ihre Grenzen brutal zerstört wurden, darüber hinaus hindert die traditionelle geschlechtsspezifische Erziehung Mädchen generell, gesunde Grenzen zu entwickeln. Deshalb ist für uns das Thema Grenzen in der therapeutischen Arbeit von großer Bedeutung.)
Die Gruppenarbeit des 6. Tages beinhaltete das Thema „gewaltfreie Konfliktlösung“. Wieder nutzten die Therapeutinnen kurze Szenen, in denen die Frauen unterschiedliche Umgangsweisen mit Konflikten ausprobierten und gemeinsam auswerteten. Sie hatten viel Spass dabei, wurden aber auch nachdenklich. Nach den anschliessenden theoretischen Erklärungen sagte eine der Teilnehmerinnen: „Unsere Übungen heute und Eure Erklärungen haben mir sehr geholfen, besser zu verstehen, was bei uns so oft schief läuft. In Zukunft werde ich mich an unsere Szenen erinnern und ich hoffe, dass ich dann anders reagieren kann...“.
Am 7. Tag sprachen die Frauen mit Hilfe der Übung „Fluss des Lebens“ über ein traumatisches Erlebnis ihres Lebens und reflektierten darüber, wie diese Erfahrung sie verändert hat. (Dabei unterstützten die Therapeutinnen sie, Distanz zu bewahren und vom heutigen Standpunkt aus auf ihr Leben zu schauen.) Die anschließenden theoretischen Erklärungen halfen den Frauen eigene posttraumatische Symptome oder auch die von nahestehenden Menschen besser zu verstehen und sich bewusst zu machen, was ihnen geholfen hat, diese schwere Erfahrung zu überstehen.
Nach diesem sehr intensiven Tag meinte eine der Frauen: „Ich habe auch bisher schon über dieses Erlebnis gesprochen, aber jedesmal habe ich mich schlecht gefühlt, als ob ich wieder in dieser Situation bin. Diesmal war es anders: als ob das alles aus mir herausgekommen ist. Ich fühle mich sehr gut, so erleichtert, ich kann gar nicht glauben, dass ich mich so fühle...“
In den letzten Tagen arbeitete die Gruppe zu den Themen „Gewalt“ (Gewalt in Partnerbeziehungen, Gewalt gegen Kinder, Gesellschaftliche Haltung zu Gewalt...), „Traditionelle Erziehung / Geschlechtsrollen und deren Zusammenhang mit der Entwicklung von Täter und Opferrollen“, „menschliche Grundbedürfnisse“, „Selbstbehauptung“ und „meine Kraftquellen“.
Den letzten Tag hatten die Frauen Gelegenheit, anhand ihrer Symbole vom ersten Tag (Wünsche und Erwartungen) für sich selbst zu evaluieren, inwiefern sich ihre Wünsche und Erwartungen erfüllt hatten. Alle betonten, dass ihre Erwartungen bei weitem übertroffen worden waren. (Einige der Kommentare werde ich in einem meiner naechsten Blogs wiedergeben.)
Durch weitere Übungen konnten die Frauen die für sie wichtigen Erfahrungen und gewonnenen Erkenntnisse integrieren. Durch die Übung „Glückwunschkarten“ hatte jede Frau die Möglichkeit einer jeden anderen in schriftlicher Form eine Rückmeldung zu geben „Was mich an Dir besonders beeindruckt hat“. Diese gegenseitigen Feedbacks voller Wertschätzung bedeuteten den Frauen sehr viel und machten außerdem deutlich, wie nahe sich die Frauen in diesen Tagen gekommen waren.
In der schriftlichen (anonym gegebenen) Rueckmeldung an die Therapeutinnen betonten alle Frauen, dass sie die Gruppenarbeit auch in Gorazde (im SEKA-Haus) sehr gerne weiter fortsetzen moechten. (siehe auch: Rueckmeldungen der Frauen in einem der naechsten Blocks).
Bis zum naechsten Blog.
Mit herzlichen Gruessen
Gabriele Mueller