Liebe Freundinnen und Freunde,
letzte Woche haben wir die Erfahrungen mit unserem Projekt "Glueckstage 2008" gruendlich ausgewertet und ich muss sagen, ich bin mehr als gluecklich ueber die Art und Weise, wie die Kolleginnen dieses Projekt realisiert haben. In diesem Sommer habe ich das erste Mal (nach 11 Jahren) nicht selbst den Erholungsaufenthalt geleitet. Aber ich bin ueberzeugt, es haette nicht besser laufen koennen. Ich moechte hier nochmals meinen Kolleginnen ganz herzlich danken, fuer ihren unermuedlichen Einsatz und ihr Engagement und insbesondere fuer ihre hervorragende fachliche Arbeit.
Hier auf Betterplace werde ich den versprochenen Bericht ueber die "Glueckstage" in mehreren Teilen veroeffentlichen, damit er die LeserInnen nicht zu sehr ermuedet.
Heute also der erste Teil:
Bericht zum Projekt „Glückstage – Erholung vom Krieg“
Juni 2008 in Neum an der Adria
1. Teil
Die 10 Frauen und 10 Kinder der Gruppe hatten wir (die Mitarbeiterinnen des Projekts SEKA) in Zusammenarbeit mit dem Zentrum fuer psychische Gesundheit, Gorazde, und dem Veteranen-Klub „Svjetlost Drine“, Gorazde, der kriegstraumatisierten Veteranen psycho-soziale Hilfe anbietet, nach spezifischen Kriterien ausgewählt. Alle Familien leben unter sehr schweren ökonomischen Bedingungen. Alle Frauen litten an schweren mehrfachen Kriegstraumata, einige hatten darüber hinaus noch Gewalt in der Kindheit und / oder in der Ehe erlebt. Mehrere Frauen leben alleine mit den Kindern, andere mit kriegstraumatisierten oder psychisch krankem Partner bzw anderen nach dem Krieg psychisch erkrankten Familienangehörigen.
Alle Kinder, wie auch zwei der Frauen waren noch nie am Meergewesen.Alle waren überglücklich und aufgeregt über diese Möglichkeit, die Ihnen und ihren Kindern geboten wurde, sich am Meer zu erholen und dabei noch "etwas zu lernen", wie einige das ausdrueckten.
Bereits die beiden Vortreffen noch in Gorazde im SEKA-Haus ermöglichten den Frauen und Kindern sich gegenseitig und auch die SEKA-Mitarbeiterinnen ein wenig kennenzulernen. Auch die gemeinsame Busfahrt in Begleitung der Therapeutinnen liess die Gruppe langsam zusammenwachsen.
Über die Unterbringung in der Pension in Neum waren alle begeistert, sowohl von den schönen Zimmern, den Balkonen, dem Blick aufs Meer, als auch von der Gastfreundschaft der Pensions-inhaber, die wirklich ihr Möglichstes taten, um die Frauen und Kinder zu verwöhnen. Ausserdem boten sie uns (wie auch schon im Jahr zuvor) gute Arbeitsbedingungen für die Gruppenarbeit. Sie hatten zwei der grö ß ten Zimmer leergeräumt, die wir dann als Gruppenräume für die Frauen bzw. für die Kinder einrichteten. Ein dritter großer Raum diente als gemeinschaftliches Wohnzimmer am Abend.
Schon kurz nach der Ankunft am ersten Tag gab es einen Spaziergang zum Strand. Und die ersten ganz mutigen Kinder schlossen – trotz des kühlen Wetters – ihre erste Bekanntschaft mit dem Meer. Die übrigen trauten sich in den nächsten Tagen mit Schwimmflügeln und Schwimmringen „abgesichert“ in die Wellen. Nur die leicht geistig behinderte Hana* hatte grosse Angst vorm Wasser. Erst in der zweiten Hälfte des Erholungsaufenthalts, nachdem die „Tanten“ (Therapeutinnen) oder auch ihre Mutter sie täglich ermutigt und mit ihr den vorsichtigen Kontakt mit dem Meer ausprobiert hatten, verlor auch sie allmählich ihre Ä ngste: Zuerst ließ sie sich auf der Luftmatratze liegend herumfahren. Dann erlaubte sie den Kolleginnen Amina oder Senija, sie ohne Luftmatratze auf dem Wasser liegend zu halten, bis sie sich mehr und mehr entspannen und Vertrauen gewinnen konnte. Auch die anderen Kinder lernten mit dieser Übung, dass das Meer sie trägt und dass sie sich auf diese Weise immer wieder ausruhen können.
Natürlich halfen auch vielerlei Spiele und Wettkämpfe im Meer und am Strand, dass die Kinder sich von ihren anfänglichen Ängsten bis zum Ende des Erholungsaufenthalts völlig befreien konnten: In den 11 Tagen lernten schliesslich alle Kinder schwimmen!!!!! Das machte sie stolz und selbstbewusst.
Auch einige der Frauen, die bisher nicht schwimmen konnten und Angst vorm Wasser hatten, konnten sich von diesen Ängsten befreien und das Meer von Tag zu Tag mehr geniessen.
Am letzten Tag gab es dann für Frauen und Kinder die Überraschung, mit Tretbooten herumzuschippern. Zu diesem Zweck hatten die Kolleginnen zwei Tretboote gemietet.
Wer die Kinder am ersten Tag am Meer erlebt hatte, konnte nicht glauben, dass das dieselben Kinder waren, die da herumtollten, von der Rutsche des Tretboots ins Wasser platschten, schwammen wie die Fische, tauchten, ins Wasser sprangen.... Braungebrannt, glücklich und selbstbewusst....
Die gemeinsam verbrachte Zeit am Strand liess die Gruppe – neben der Gruppenarbeit – rasch zusammenwachsen – „wie eine glückliche Familie“, wie eine der Frauen es ausdrueckte.
Aber auch am Abend gab es gemeinsame Spaziergänge, die Frauen und Kinder genossen die Sonnenuntergänge am Meer. Es ging zum Eisessen, zum abendlichen Strandkonzert... und an einem Abend feierte die Gruppe den Geburtstag einer der Frauen. Die war zu Tränen gerührt. Soviel liebevolle Aufmerksamkeit hatte sie ihr ganzes Leben noch nicht erfahren...
Am letzten Abend gab es eine Vorstellung der Kinder „für Mütter und Tanten“, in der auch die zu Anfang schüchternsten Kinder selbstbewusst Lieder sangen, Sketche oder witzige Spiele spielten. Diese Vorstellung, für die sie einen überwältigenden Applaus bekamen, hatten sie sich ganz selbständig ausgedacht, mit nur wenig Unterstützung durch die Therapeutinnen.
Diese Vorstellung zeigte auch, dass die anfänglichen Spannungen und unterschwelligen Konflikte in der Kindergruppe sich zum größten Teil aufgelöst hatten und die Gruppe richtig zusammengewachsen war.
(*Name geändert)
In den naechsten Tagen folgt der 2. Teil des Berichts - ueber die Gruppenarbeit mit den Frauen...
Mit herzlichen Gruessen
Gabriele Mueller